Warum die Bildung Angst vor der Digitalisierung hat

Diese Angst und ihre Symptome rühren daher, dass das Bildungssystem noch keine nachhaltigen Strategien gefunden hat im Angesicht von „Lernen 2.0“ – also in seinem Kerngeschäft. Auch die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen und die Entwicklung des Unterrichts halten sich bezüglich der dringen benötigten Kompetenzen und Strategien noch stark zurück. Wer aber selbst nicht ausgebildet ist im Umgang mit den neuen Medien, kann anderen nicht dabei helfen, sich darin zu bilden. Das ist das aktuelle Dilemma von Aus- und Weiterbildung.

 

Auf den ersten Blick scheint meine Einschätzung womöglich unzutreffend. Schließlich rüsten immer mehr Bildungsinstitutionen digital auf - wenn die finanziellen Mittel es zulassen: WLAN, digitale Infrastruktur, Einsatz von Software zur Organisation des Prüfungs-, Stundenplans-, Absenzen- und Notwesens. Prächtige Auftritte im Internet, Flipped Classroom, Blended und E-Learning, digitale Lernplattformen.

Hingegen bedeutet die Digitalisierung im Nachrichtensektor („Zeitung“), dass sich die Formen, in der Informationen dargeboten werden, aufgelöst haben. Nachrichten sind nicht mehr an ein Medium gebunden. Weder an Papier, noch an irgendeinen Bildschirm. Nachrichten sind omnipräsent. Jederzeit abrufbar und vor allem: sie können jederzeit zerstückelt werden, neu zusammensetzt, neu kontextualisiert werden. In einer Sekunde um die Welt geschickt, mit Bildern und Filmen versetzt und mit jedem jederzeit unmittelbar geteilt werden.

 

Was sich also vor allem verändert hat, sind die Kommunikationen: Wie Menschen Informationen austauschen, in welchen Formen, auf welchen Wegen. Wie sich Menschen äußern, sich zeigen und verbergen, sich artikulieren. Der Umgang mit eigenen und fremden Bedürfnissen ist ein anderer. Zum Beispiel die Work-Life-Balance, die für Menschen der „Gen Y“ an Bedeutung gewinnt. Sie setzen nicht nur andere Prioritäten, sie setzen sie auch anders. Nicht nur treten Arbeit und Leben in ein anderes qualitatives Verhältnis als früher. Es gibt nicht mehr die strikte Trennung, kein strenges Nacheinander („zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“) sondern viel mehr an Flexibilität.

Das 21. Jahrhundert hat mit seinen bahnbrechenden Entwicklungen längst den Bildungsbereich erfasst. Der lässt sich aber nur widerwillig ins Schlepptau nehmen. Aus- und Weiterbildung scheinen derzeit vor allem zu reagieren. Die klassische Schule und ihr Lehrpersonal fühlen sich „überschwemmt“ von der Digitalisierung. Schule und Lehrpersonen verharren in einer Abwehrhaltung, in der Angst mitgerissen zu werden. 

 

Bei diesem Tempo fällt es nämlich schwer, sich noch irgendwo festzuhalten. Im Bildungssystem geht die Furcht um, massiv an Macht und Einfluss zu verlieren durch die digitalen Techniken und die sozialen Medien. Deshalb bremsen Schulen auch, wenn es um ihre Digitalisierung geht. Und sie realisieren noch nicht, dass sie vor allem sich selbst ausbremsen.

Was dabei übersehen wird: Das „System Bildung“ entwickelt sich nicht dadurch weiter, dass es digital hochgerüstet wird. Das können auch bloße Anpassungsversuche sein, um das Schlimmste zu verhindern. Unser Bildungssystem betrachtet die digitalen Medien nämlich nach wie vor als Werkzeuge und nicht als Ausdrucksformen einer sich radikal verändernden Welt. Die „Digitalisierung“ ist aber keine neue Methode. Sie ist Ausdruck einer vollzogenen Entwicklung der Gesellschaft, die dem Bildungssystem noch bevorsteht.

 

Ein Beispiel: Wäre Digitalisierung lediglich eine neue Methode, dann würden wir die Tageszeitung jetzt halt auf dem Tablet lesen statt auf Papier - und basta. Die Wandtafel in der Schule wäre elektronisch statt aus Schiefer, die Kreide wäre durch eine berührungssensible Oberflächentechnik ersetzt. Digitalisierung würde hier bedeuten: wir machen dasselbe einfach anders – aber wir machen eben immer noch: dasselbe.

Diese Veränderungen kann man gut finden oder nicht. Tatsache ist, dass Aus- und Weiterbildung den Menschen Kompetenzen vermitteln muss, mit denen sie sich im digitalen Zeitalter professionell, autonom, sinn- und verantwortungsvoll bewegen können. Das kann ein Bildungssystem aber erst dann, wenn es selbst darin kompetent ist. Als System ebenso wie in seinen Formaten und in seinen lehrenden Berufen. Davon sind wir noch ein gutes Stück weit entfernt.

 

Deshalb brauchen wir ein neues Bildungsdesign.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0

                                                             BILDUNGSDESIGN EMPFEHLEN

 

Möchten Sie die Informationen mit anderen teilen oder das Angebot von Bildungsdesign weiter empfehlen?

Hier haben Sie die Möglichkeit.

 

TWITTER

FOLLOW ME

 

 

XING

JOIN US

 

YOU TUBE

VIEW VIDEOS

LINKEDIN

CONTACT